Die Evangelische Germanuskirche in Malmsheim

Ev. Germanuskirche in Malmsheim

Der folgende Text enthält Auszüge aus dem Büchlein "Die Evangelische Germanuskirche in Malmsheim", 1995, von Gunther Weinmann, erhältlich in unserem Buchladen "Das Buch und mehr".

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Die Malereien und deren religiöser Sinngehalt

Malerei in der Germanuskirche

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Diese Pfarrkirche eines ursprünglich sehr kleinen Dorfes spricht auf ihre Weise von dem Glauben, die die Menschen, ihre Erbauer und Gestalter erfüllt hat. Durch deren Wirken nimmt dieses Gotteshaus unter den Dorfkirchen der Region einen ersten Platz ein.
Die Gründe, die dieses Gotteshaus vor vielen anderen Kirchen auszeichnen sind:

  • Vielfalt: Malereien und deren tiefsinnige Ikonographie aus zwei Epochen mit Figuren, Versen und Ornamenten und weiteren Kostbarkeiten der christlichen Kunst
  • die Tatsache, dass die gesamte Kirche Malereien aufweist, und das Langhaus nach der Zeit der Bilderfeindlichkeit bemalt wurde, was wohl dem Umstand zuzuschreiben ist, dass Luthers Einfluss stärker vorherrschte, der im Gegensatz zu Calvin und Zwingli bilderfreundlicher war. [...]
  • letztlich der hohe religöse Sinngehalt der der Malereien. [...] Die Bilder dienten im Mittelalter als biblia pauperum (Armenbibel) zur Unterweisung der Gemeinde, die ja größtenteils nicht lesen konnte. [...]

Sämtliche Malereien wurden in und nach der Reformationszeit mehrfach übertüncht und beschädigt und haben so auch eine gewisse Ursprünglichkeit verloren. Letztlich blieben sie aber doch der Nachwelt erhalten, bis sie in den Jahren 1957/1958 und 1992/1993 wieder entdeckt, freigelegt und restauriert werden konnten. [...]

 

Die Geschichte des Dorfes und der Pfarrei

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In der fränkisch-merowingischen Zeit (500 .. 750) begann unter Chlodwig die Christianisierung unseres Gebietes und zwar vom Kloster/Bistum Speyer aus. Es kann angenommen werden, dass Malmsheim schon in dieser Zeit oder kurz danach eine Urkirche erhielt. Diese Annahme gründet sich u.a. auf die Tatsache, dass Malmsheim einer der bekanntesten fränkischen Kirchenheiligen besaß, Germanus, Bischof von Auxerre. [...]

Turm der Germanuskirche

In einem ersten Bauabschnitt unserer Kirche entstand der mächtige viereckige staufische Turm vor dem Jahr 1250, dessen Sandstein-Eckquader bemalt waren. Diese Sandstein- und Fugenaußenmalereien, die anlässlich der Restaurierung 1993 freigelegt wurden, haben wir nahe der Kanzel sichtbar gemacht. Diese Malereien stammen aus der Zeit vor 1250 und sind damit das erste baugeschichtliche Zeugnis dieses Gotteshauses. Eine Sandsteintafel neben der Kanzel kündet davon. Aus dem Turm entstanden dann über mehrere Bauabschnitte die Kirche und später eine mächtige Kirchenburg. Sie war nicht nur ein Ort, in dem Menschen die Nähe Gottes suchten und ihre Gebete verrichteten, sondern über viele Jahrhunderte Schutz in wirren Zeiten fanden. [...]

Der spätgotische Kruzifixus im Turmchor

Kruzifixus um 1500

Wenn wir in das Kirchenschiff eintreten, fällt der Blick zuerst auf das eindrucksvolle Kruzifix hinter dem Chorbogen. Es ist wohl das schönste und wertvollste Kunstwerk in unserer Kirche und wurde um 1500 geschaffen. Während in der ersten Zeit der Christianisierung Christus meist als Triumphator, mit jugendlichem Antlitz und einer Krone auf dem Haupt, ohne Leidensdruck dargestellt wird, setzt sich vom 12. Jahrhundert an, aber in immer stärkerem Maße ab dem 15. Jahrhundert, für die Gestalt des Gekreuzigten die Realistik des Leidens durch, des leidend gesenkten Hauptes, der geschlossenen Augen, des hängenden, schlanken und entseelten Körpers und der Dornenkrone, sowie den überkreuzten, nur mit einem Nagel festgehaltenen Beine und dem Wundmal am Körper. [...]

Der mittelalterliche Turmchor mit den spätgotischen Malereien

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Die Malereien im Turmchor sind in Seccotechnik (Wandmalereien auf trockenem Putz) wie auch als Freskomalerei auf feuchtem Kalkbewurf ausgeführt. Ab dem 13./14. Jahrhundert stehen die Darstellung des Neuen Testamentes vom Eingang zum Altar hin auf der linken (= Nord = Evangelien- ) Seite. Hinweisende Beispiele des Alten Testaments stehen links und rechts davon, wie z.B. hier König David. [...]

Darstellung des Hieronymus im Kreuzrippengewölbe

Kreuzrippengewölbe

Auch hier geht es um die Vermittlung von Gottes Wort. Vermittlung vom gestirnten Himmel über Engel, die Schriftbänder in den Händen halten. An drei Kappen des gotischen Gewölbes sind 3 der ursprünglich 4 bedeutenden abendländischen Kirchenlehrer zu erkennen. (Die 4. Kappe wurde durch hindurchgezogene Glockenstränge zerstört) [...]

An der Ostwand des Chors das Sakramentshaus, das ab dem 14. Jahrhundert immer als turmartiges Häuschen dargestellt wird und in der Regel auf der Nordwand des Chors untergebracht wurde, hier aber der Darstellung der Hostienmühle weichen musste. [...]
Ebenfalls auf der Ostwand des Chors befindet sich die Darstellung "Ecclesia und Synagoge".

Die Malereien auf der Ostwand des Langhauses

Spätgotische Darstellung an der Ostwand

Die spätgotische Kreuzigungsgruppe
[...] Anläßlich der ersten Renovierungsarbeiten im Jahr 1992 (die Kirche sollte ursprünglich nur renoviert werden) wurden durch Zufall die Fragmente spätgotischer Malereien entdeckt, die aus vorreformatorischer Zeit stammen. [...]
Sie stellen eine Kreuzigungsgruppe dar - mit Johannes zur Linken Christi (also rechts vom Beschauer), Jesus am Kreuz und Maria zur rechten Christi.

Darstellung des Aaron aus der Spätrenaissance

Die Malereien der Spätrenaissance
[...] Das auf der Ostwand sichtbare Bildprogramm der Jahre 1607 - 1608 kann auf den damals für Malmsheim zuständigen Dekan von Böblingen, Magister Paulus Rukher, zurückgeführt werden. Er war theologisch gebildet und der Förderer dieser Malereien, wie 150 Jahre zuvor der Abt von Hirsau. [...]
Die Darstellung der Malereien und Verse auf der Ostwand des Langhauses sind aus dem Alten- und Neuen Testament entnommen und können ebenfalls als Programm der Vermittlung des Wortes Gottes angesehen werden. Von rechts nach links gelesen (die Richtung des Handelns geht von links aus - vom Betrachter rechts) haben wir es in den Darstellungen mit dem Gesetz zu tun [...].

Die Malereien der Spätrenaissance auf der Südwand des Langhauses

Die Südwand des Schiffes wurde 1607 - 1608 im Rahmen einer Verbreiterung der Kirche neu eingezogen. Wir können davon ausgehen, dass in dieser Zeit die neu erstellte Südwand vollständig mit Ornamenten, Versen und Figuren - vermutlich u.a. die 12 Jünger - bemalt wurde. [...]
Wichtige Bestandteile der Ornamentmalereien sind neben Rosetten, Kelchen v.a. die Masken. [...] In der religiösen Welt der Kirche sollte die Maske das Bestreben der Menschen aufzeigen, sein wahres, vor allem das geistige Gesicht zu verhüllen, seine (oft bösen) Gedanken zu verbergen, ja sich zu verwandeln [...].

Die schöne Kanzel

Muschel an der Kanzel

mit dem großen Schalldeckel in der derzeitigen Fassung der 50er Jahre stammt aus dem 17. Jahrhundert. [...] Zu erwähnen sind die Muscheln, die die acht Felder zieren. Sie sollen das Bild des Grabes symbolisieren, aus dem der Mensch eines Tages auferstehen wird. Die Taube unter dem Baldachin symbolisiert den Heiligen Geist, denn in den Evangelistenberichten ([...]) wird vom Heiligen Geist in der Gestalt einer Taube gesprochen.

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Der schöne Taufstein,

Taufstein mit Wappen

der aus vorreformatorischer Zeit stammt, steht auf gewundenem Fuß. Seine achteckige Kufe mit Maßwerk ist mit dem alten württembergischen Wappen, den Hirschstangen, verziert.
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Die Glocken der Germanuskirche

Die sinnbildliche Bedeutung der Glocken besteht darin, die Stimme Gottes zu sein. Ihr Klang soll das christliche Volk zum Glauben ermuntern.
Im 1. Weltkrieg wurde 1917 die älteste Glocke (Ton G'), die aus dem Jahre 1699 stammt, für Kriegszwecke abgenommen.
Im 2. Weltkrieg erleiden im Jahre 1942 die beiden großen Bronzeglocken (Ton ES' und G') das gleiche Schicksal. Es verbleibt nach dem 2. Weltkrieg nur noch eine

 

  • kleine Glocke (Ton B'), die 1902 von G. A. Kiesel Heilbronn gegossen wurde. [...] 350 kg, Durchm. 85 cm. [...]

Auch die neuen Glocken mahnen uns:

  • 1948 "Vermisstenglocke", Ton G', 570 kg, Durchm. 105 cm. [...]
  • 1961 Kleine Glocke, Ton C'', 268 kg, Durchm. 76 cm. [...]
  • 1961 Große Glocke, Ton ES', 1292 kg, Durchm. 129 cm. [...]

Weiterer Literaturhinweis

"Die Geschichte unserer engeren Heimat - Malmsheim und seine 500jährige Kirche", 1989, von Gunther Weinmann.